Grundlagen
Testosteronmangel verstehen
Diese Seite erklärt, was Testosteron im Körper leistet, was ein Mangel bedeutet und warum die Diagnose mehr braucht als einen Blick auf einen Laborwert. Sie ersetzt keine Untersuchung, soll aber helfen, das eigene Anliegen einzuordnen.
Was Testosteron ist
Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon. Es wird zum größten Teil in den Leydig-Zellen der Hoden gebildet, ein kleiner Anteil stammt aus der Nebennierenrinde. Die Produktion wird von der Hirnanhangsdrüse gesteuert, die dafür das Hormon LH ausschüttet, und diese wiederum erhält ihre Signale aus dem Hypothalamus. Diese Kette heißt Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse und funktioniert wie ein Regelkreis: Sinkt das Testosteron, steigt LH, und die Hoden produzieren mehr; ist genug vorhanden, wird die Steuerung gedrosselt.
Was es im Körper tut
Testosteron wirkt an nahezu allen Organen. Es erhält die Libido und die Erektionsfähigkeit, fördert die Bildung von Spermien, steuert den Aufbau von Muskelmasse und Knochendichte, beeinflusst die Verteilung des Körperfetts und regt die Bildung roter Blutkörperchen an. Auch Stimmung, Antrieb und geistige Leistungsfähigkeit hängen mit dem Hormonspiegel zusammen, allerdings weniger eindeutig, als es oft dargestellt wird.
Etwa ab dem 30. Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel bei den meisten Männern langsam, im Mittel um etwa ein Prozent pro Jahr. Dieser Rückgang ist normal und für sich genommen kein Grund zur Behandlung. Bei vielen Männern bleibt der Spiegel bis ins hohe Alter im Referenzbereich, bei anderen fällt er deutlich schneller ab, häufig im Zusammenhang mit Übergewicht oder chronischen Erkrankungen.
Was Hypogonadismus bedeutet
Hypogonadismus ist der medizinische Begriff für eine Unterfunktion der Hoden. Gemeint ist ein Zustand, in dem zu wenig Testosteron gebildet wird und dadurch Beschwerden entstehen. Beides gehört dazu: Ein niedriger Wert ohne Beschwerden ist kein Hypogonadismus, und Beschwerden ohne bestätigt niedrige Werte sind es auch nicht.
Primärer Hypogonadismus
Die Störung liegt im Hoden selbst. Die Hoden produzieren zu wenig Testosteron, obwohl die Hirnanhangsdrüse sie mit hohen LH-Werten dazu antreibt. Im Labor zeigt sich das als niedriges Testosteron bei erhöhtem LH und FSH. Ursachen sind zum Beispiel genetische Veränderungen wie das Klinefelter-Syndrom, frühere Hodenentzündungen, Verletzungen, Operationen, Chemotherapie oder Bestrahlung.
Sekundärer Hypogonadismus
Die Störung liegt in der Steuerung, also in Hypothalamus oder Hirnanhangsdrüse. Die Hoden wären funktionsfähig, bekommen aber zu wenig Signal. Im Labor zeigt sich niedriges Testosteron bei niedrigem oder unpassend normalem LH. Ursachen können Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse sein, ein erhöhtes Prolaktin, bestimmte Medikamente wie Opioide oder Kortison, schwere Allgemeinerkrankungen, ausgeprägtes Übergewicht, eine Schlafapnoe und die Einnahme anaboler Steroide.
Die Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, welche weitere Diagnostik nötig ist, ob eine Ursache behandelt werden kann und ob bei Kinderwunsch eine andere Behandlung als Testosteron in Frage kommt.
Funktioneller Hypogonadismus
Hier ist die Hormonachse an sich intakt, wird aber durch Übergewicht, Diabetes, chronische Erkrankungen, Schlafmangel oder Medikamente gebremst. Diese Form ist bei Männern mittleren Alters die häufigste, und sie ist grundsätzlich umkehrbar, wenn die Ursache angegangen wird.
Wo die Steuerung sitzt
Testosteron entsteht nicht im Hoden allein. Zwei Stellen im Gehirn geben den Takt vor, und der fertige Hormonspiegel meldet zurück, ob weiter angetrieben werden soll. Diese Rückkopplung ist der Grund, warum LH und FSH mitbestimmt werden: Sie sagen, an welcher Stelle der Kette die Störung liegt.
Welche Beschwerden auftreten können
Die Beschwerden lassen sich in drei Gruppen einteilen, und sie sind unterschiedlich aussagekräftig.
Sexuelle Beschwerden sind am spezifischsten: verminderte Libido, seltenere oder ausbleibende morgendliche Erektionen, Erektionsstörungen. Wenn diese drei zusammen auftreten, ist die Wahrscheinlichkeit eines Mangels deutlich erhöht.
Körperliche Veränderungen sind weniger eindeutig: Verlust an Muskelmasse und Kraft, Zunahme des Bauchfetts, Abnahme der Knochendichte, Verlust der Körperbehaarung, Hitzewallungen, Blutarmut, kleine oder weiche Hoden, Vergrößerung der Brustdrüse.
Psychische und allgemeine Beschwerden sind am unspezifischsten: Müdigkeit, Antriebsmangel, gedrückte Stimmung, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, nachlassende Leistungsfähigkeit.
Warum Beschwerden allein nicht ausreichen
Fast alle diese Beschwerden kommen auch bei Männern mit völlig normalem Testosteron vor. Müdigkeit und Antriebsmangel sind die häufigsten Beschwerden überhaupt und haben meist andere Ursachen: zu wenig Schlaf, eine Schlafapnoe, eine Schilddrüsenunterfunktion, Eisenmangel, eine Depression, Alkohol, chronischer Stress oder schlicht Überlastung. Ausbleibender Muskelaufbau liegt weit häufiger an Training, Ernährung und Regeneration als am Hormon, und Erektionsstörungen sind oft Gefäßprobleme und dann ein Warnsignal für das Herz.
Wer aus einer Symptomliste im Internet einen Testosteronmangel ableitet, liegt statistisch meistens falsch. Die Beschwerden werden hier deshalb ernst genommen, aber nicht als Diagnose behandelt: Sie sind der Anlass für die Untersuchung.
Warum ein einzelner niedriger Wert keine Diagnose ist
Der Testosteronspiegel schwankt im Tagesverlauf um bis zu ein Drittel, mit dem Höchstwert am frühen Morgen. Er sinkt nach dem Essen, bei akuten Infekten, nach schlechtem Schlaf und unter intensivem Trainingsstress. Auch die Labormethode spielt eine Rolle, denn verschiedene Labore messen unterschiedlich.
Die Leitlinien verlangen deshalb, dass ein niedriger Wert an einem zweiten Morgen bestätigt wird, nüchtern, zwischen 7 und 11 Uhr. Bei etwa jedem dritten Mann mit einem einmalig niedrigen Wert ist die zweite Messung wieder normal. Ohne Bestätigung würden diese Männer zu Unrecht behandelt.
Als Orientierung gilt ein Gesamttestosteron unter 12 nmol/l, das entspricht etwa 3,5 ng/ml, als hinweisend auf einen Mangel; Werte darüber sprechen bei den meisten Männern dagegen. Im Graubereich entscheidet das freie Testosteron.
SHBG und freies Testosteron
Im Blut ist etwa die Hälfte des Testosterons fest an das Sexualhormon-bindende Globulin gebunden, kurz SHBG, und dieser Anteil ist für die Zellen nicht verfügbar. Ein weiterer großer Teil ist locker an Albumin gebunden und kann genutzt werden, und nur ein bis drei Prozent liegen wirklich frei vor. Freies und albumingebundenes Testosteron zusammen werden als bioverfügbares Testosteron bezeichnet.
SHBG ist nicht bei jedem Mann gleich hoch. Es steigt mit dem Alter, bei Schilddrüsenüberfunktion, Lebererkrankungen und unter bestimmten Medikamenten; es sinkt bei Übergewicht, Insulinresistenz, Schilddrüsenunterfunktion und unter anabolen Steroiden. Ein Mann mit hohem SHBG kann deshalb ein normales Gesamttestosteron haben und trotzdem zu wenig verfügbares Hormon, und ein übergewichtiger Mann mit niedrigem SHBG kann ein niedriges Gesamttestosteron haben und trotzdem ausreichend versorgt sein.
Deshalb wird SHBG hier immer mitbestimmt und das freie Testosteron daraus berechnet. Die direkte Messung des freien Testosterons mit einfachen Labortests ist unzuverlässig und wird in den Leitlinien nicht empfohlen.
Alter, Gewicht, Schlaf, Erkrankungen, Medikamente
Die meisten Fälle von niedrigem Testosteron bei Männern zwischen 30 und 60 gehen nicht auf einen Defekt der Hoden zurück, sondern auf Faktoren, die die Hormonachse bremsen.
| Faktor | Wirkung |
|---|---|
| Übergewicht | Der stärkste Einzelfaktor. Fettgewebe wandelt Testosteron in Östrogen um und drosselt darüber die Steuerung aus der Hirnanhangsdrüse. Bei ausgeprägtem Übergewicht ist ein niedriger Spiegel eher die Regel als die Ausnahme, und eine Gewichtsreduktion hebt ihn messbar an. |
| Schlaf | Testosteron wird vor allem im Schlaf gebildet. Schon eine Woche mit fünf Stunden pro Nacht senkt den Spiegel bei jungen gesunden Männern um zehn bis fünfzehn Prozent, eine unbehandelte Schlafapnoe wirkt noch stärker. |
| Erkrankungen | Diabetes, chronische Nieren- und Lebererkrankungen, chronische Entzündungen und Depressionen senken das Testosteron. Bei Diabetes ist etwa jeder dritte Mann betroffen. |
| Medikamente | Opioide, Kortison, bestimmte Antidepressiva und Finasterid greifen in die Hormonachse ein. Wer anabole Steroide genommen hat, auch vor Jahren, sollte das im Gespräch unbedingt nennen, denn die Achse kann danach lange gestört bleiben und die Behandlung unterscheidet sich. |
| Alter | Senkt das Testosteron langsam, aber gesunde ältere Männer bleiben meist im Referenzbereich. Das Alter allein ist keine Indikation für eine Therapie. |
| Lebensweise | Regelmäßiges Krafttraining, ausreichend Schlaf, moderater Alkoholkonsum und ein normales Körpergewicht unterstützen die eigene Produktion. Extremes Ausdauertraining, lange Kaloriendefizite und hoher Alkoholkonsum drücken sie. |
Aus all dem folgt der Aufbau der Sprechstunde: ein ausführliches Gespräch, das diese Faktoren abfragt, eine körperliche Untersuchung, eine Labordiagnostik, die zwischen Hoden und Steuerung unterscheidet, und eine Befundbesprechung, die alles zusammenführt.